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Dezentrale Kunst benennt einerseits den (Galerie-)Raum, andererseits kann es ein Begriff sein, der künstlerische Produktionen im Migrationszeitalter beschreibt. Das Leben und Arbeiten in Wien ist für viele KünstlerInnen untrennbar mit der Tatsache verbunden, dass Österreich ein Einwanderungsland ist. Dezentrale Kunst (Eva Dertschei, Ulrike Müller und Carlos Toledo) organisierten von Oktober 1999 bis Januar 2000 in einem Galerieraum in Wien eine Reihe von Veranstaltungen und Ausstellungen zum Themenkomplex Migration. Dabei galt es, nicht nur die offensichtlicheren Probleme exotisierender Zuschreibungen zu vermeiden. Auch in engagierten Ausstellungprojekten werden oft Ausschlüsse von politischer und kultureller Teilhabe und Definitionsmacht, die Äußerungen von MigrantInnen nur unter bestimmten Bedingungen zulassen, reproduziert. Im Rahmen von Dezentrale Kunst waren daher "Herkunft" oder "kulturelle Eigenheit" keine Kriterien, vielmehr war Migration als Tatsache die Grundlage für Diskussionen mit teilnehmenden KünsterInnen. Das Projekt Dezentrale Kunst erhielt durch parallele politische Entwicklungen, die im Februar 2000 zur Bildung einer Koalitionsregierung mit der rechten Anti-Einwanderungspartei FPÖ führten, zusätzliche tagespolitische Brisanz.
So wie Rohstoffe, Kapital und Wissen zu Zentren fließen, so die Kunst und die KünstlerInnen. Neben dem tatsächlichen Import nicht-westlicher Kunst durch den Kunsthandel und Kuratoren, die sich in »postkolonialer« Ausstellungspraxis versuchen, gibt es viele KünstlerInnen, deren Leben und Arbeiten in Österreich untrennbar mit der Tatsache verbunden sind, daß Österreich ein Einwanderungsland ist. Während die Probleme bei exotisierenden Zuschreibungen offensichtlich sind, ist auch in Ausstellungen von Gegenwartskunst die Präsentation von KünstlerInnen mit migrantischem Hintergrund oft schwierig. Die Betonung »kultureller Vielfalt« schreibt Identitäten fest und verdeckt Ausschlüsse von politischer und kultureller Teilhabe und Definitionsmacht, die Äußerungen von MigrantInnen nur unter bestimmten Bedingungen zulassen wollen. Sowohl Kultur als auch Migration sind wichtige Themen in der österreichischen Politik, die auch zu den bestimmenden Wahlkampfthemen für die Nationalratswahlen im Herbst gehören. Notwendig wäre ein Raum, in dem sich der unmittelbare Einfluß staatlicher Einwanderungs- und Ausländerpolitik auf gesellschaftliche Realitäten und das Leben in Wien artikulieren kann. Wo kann »Kunst von MigrantInnen« in einem Rahmen gezeigt und diskutiert werden, der sich gesellschaftlicher Problematiken und der Vor- und Nachteile einer solchen identitätspolitischen Setzung bewußt ist? Aufgrund dieser Überlegungen schien uns die Einladung des Bildungsreferats des AAI interessant, eine Alternative zum bisherigen Galerieprogramm zu erarbeiten und von Oktober 1999 bis Januar 2000 in den Räumlichkeiten der Galerie in der Schwarzspanierstraße vorzustellen. Die AAI-Galerie hat das Ziel, »nicht-etablierte KünstlerInnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika« zu unterstützen. Dafür gibt es eine Finanzierung aus den für Kultur gewidmeten Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit im österreichischen Außenministeriums, was auf staatspolitische Interessen an der Arbeit in diesem Bereich verweist. Im bisherigen Galerieprogramm wurden KünstlerInnen aus sogenannten Entwicklungsländern, die entweder in Österreich leben oder für eine prestigesteigernde Auslandsausstellung anreisten, und fallweise (Mehrheits-)ÖsterreicherInnen mit einer Affinität zum »Thema« in monatlich wechselnden Einzelausstellungen gezeigt. Ausgehend von einer Kritik an der bisherigen Ausstellungspraxis in der Galerie möchten wir mit den folgenden Überlegungen eine weitere Diskussion beginnen und alle zur Teilnahme am Projekt einladen, für die Kunst als Bereich und/oder die Galerie als Raum ein interessantes Aktionsfeld darstellen.
Wer sind potentielle TeilnehmerInnen? Angesprochen sind KünstlerInnen, Projekte, Initiativen und Gruppen, denen die Anerkennung im Kunstbetrieb nicht unbedingt ein zentrales Anliegen sein muß. Der Raum soll vor allem MigrantInnen zur Verfügung stehen, der »Frauenanteil« soll mindestens 50% betragen. Der gesellschaftliche Status »MigrantIn« ist jedoch nicht das alleinige Teilnahmekriterium, da aufgrund der thematischen Ausrichtung (Mehrheits-) ÖsterreicherInnen sich genauso »betroffen« fühlen sollen, z.B. ist Rassismus in diesem Sinne eher als das Problem der (Mehrheits-) ÖsterreicherInnen zu verstehen. Wie TeilnehmerInnen ansprechen?
Die Einwanderungspolitik und -geschichte Österreichs stehen im Mittelpunkt. Ein Ziel ist es die binäre Logik der Spaltung des »Eigenen« vom »Fremden« aufbrechen. Die bisherige Galeriepraxis hat unausgesprochen eine Kategorie »3. Welt Kunst« geschaffen, indem nur KünstlerInnen aus Auswanderungsländern gezeigt wurden. Das hatte eine gewisse Ghettoisierung zur Folge. Kann »Kunst von MigrantInnen« im Gegensatz dazu eine positive/sinnvolle identitätspolitsche Setzung sein? Die Vorgabe, das »Kunst von MigrantInnen« immer besonders »politisch« zu sein habe ist genauso eine Zuschreibung, wie die Erwartungshaltung, sie müsse besonders »anders« sein. Es kann also z.B. nicht darum gehen, MigrantInnen zu »Fachfrauen und -Männern für Rassismen« zu machen. Zu überlegen ist grundsätzlich, welchen Stellenwert »Inhalte« im Rahmen der Ausstellungen haben, bzw. wie sie parallel in Veranstaltungen wie Vorträgen oder Diskussionen verhandelt werden. Wie können sich Überlegungen im Raum materialisieren? Welche Aufgaben kann ein Kunstraum übernehmen, wenn Staatspolitik die Kulturalisierung politischer/sozialer/ökonomischer Probleme und Unterschiede betreibt?
Das Publikum der AAI-Galerie besteht bisher aus den StipendiatInnen und MitarbeiterInnen des AAI sowie aus »SympathisantInnen«, die sich vielleicht als »aufgeschlossene (Mehrheits-)ÖsterreicherInnen« beschreiben ließen. Es kann als solches genutzt werden, soll sich aber durchaus im Zuge des Projekts erweitern und verschieben.
Dezentrale Kunst in der AAI-Galerie, September 1999 bis Jänner 2000 Eva Dertschei |
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