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Dezentrale Kunst (Eva Dertschei, Ulrike Müller, Carlos Toledo) im Gespräch mit der Zeitschrift Die weisse Blatt (Linda Bilda, Kristina Haider) Wie ist das Projekt »Dezentrale Kunst« entstanden? C: Wir wurden gefragt, ob wir die Galerie des afro-asiatischen Instituts für ein Semester lang »leiten« wollen. Diese Galerie war der einzige Ort in Wien, der vom Außenministerium Gelder bekommen hat für Kunst, oder Ausstellungen. Wir fanden den Ort interessant, weil eben öffentliche Gelder da waren und wir Freiheit hatten etwas zu machen in einem Ausstellungsraum, der eine gewisse Bekanntheit - oder schon eine gewisse Community hat. Das Projekt hat sich aus Diskussionen entwickelt, schon im Herbst 1998 haben wir darüber gesprochen. U: Die Entscheidung, dann tatsächlich etwas zu machen ist im Frühling 1999 gefallen. Auch schon im Hinblick darauf, dass im Herbst Nationalratswahl war und, dass im Sommer Wahlkampf sein würde. Das war eine interessante Situation, in der es eine erhöhte Sensibilisierung der Öffentlichkeit für bestimmte Themen gibt - die Kunst als Aktionsfeld schien uns wichtig und interessant. Während des Sommers gab es wöchentliche Treffen in der Galerie. E: Die Galerie war unter dem Namen AAI-Galerie bekannt. Wir haben dann die Initialen »AAI« neu besetzt mit Art : Austria : Immigration und bewusst einen politischen Rahmen geschaffen. Wir wollten den Ort verändern, anders damit umgehen als das bisher der Fall gewesen war. Zuvor hatten fast ausschliesslich Einzelausstellungen stattgefunden. C: Die Galerie hatte die Aufgabe »unbekannte KünstlerInnen aus Entwicklungsländern« zu unterstützen, wobei eine Galerieleiterin die Auswahl getroffen hat. Das Ganze ging sehr stark ins Folkloristische, nicht immer, aber tendenziell. Gab es Kontakt zur vorigen Galerieleitung? Wie hat die ehemalige Leiterin auf euer Projekt, etwa auf die Umbenennung der Galerie reagiert? E: Wir haben uns einmal mit ihr getroffen, sie war
sehr hilfsbereit und hat uns ihr Archiv übergeben: alle Unterlagen
zu den bisherigen Ausstellungen. Später gab es keinen direkten Kontakt
mehr. C: Der Raum war zuvor schon in Anspruch genommen worden von KünstlerInnen mit migrantischem Hintergrund, daher gab es ja diese Community rund um die Vernissagen, es gab Leute, die sich zugehörig fühlten. U: Wir wollten die Vorgeschicht nicht ignorieren, obwohl für uns die Kritik an der bisherigen Ausstellungspraxis ein wichtiger Punkt war in unseren Überlegungen war. Wir haben ein Konzept erarbeitet und den Themenkomplex »Migration« in das Zentrum dieser vier Monate Ausstellungs- und Veranstaltungstätigkeit gestellt. Gleichzeitig begannen wir, mit den KünstlerInnen, die sich um Ausstellungen beworben hatten, Gespräche zu führen. Unser Anliegen war, eine Diskussion zu etablieren. Wir wollten keine Einzelausstellungen mehr machen, sondern aus einer Auseinandersetzung ein gemeinsames Projekt in irgendeiner Form generieren. Das hat sich als sehr schwierig erwiesen, weil wir auf KünstlerInnen mit einem sehr traditionellen Selbstverständnis trafen. Letztlich ist es den Personen, die sich auf unser Projekt eingelassen haben sehr hoch anzurechnen, weil ein Gegenüber waren, auf die sie sicher nicht gefasst waren. E: Es war auch schwierig, unseren Standpunkt klar zu machen, zu sagen was wir eigentlich wollen. Es war nicht einfach, diese Mappen anzusehen, von uns wurde ein Kommentar zu den Arbeiten erwartet - und die wollte ich in dieser Form nicht beurteilen. U: Wir wollten ein Gespräch führen, bei
dem es zunächst nicht um die Qualität der Arbeiten geht. Wie haben eure GespächspartnerInnen auf eure Vorstellungen reagiert? U: Manche waren verwirrt, andere beharrten darauf, dass Kunst und Politik nichts miteinander zu tun haben, es gab Leute, die sofort wieder gegangen sind, eine Künstlerin hat gesagt: ich bin professionell, an einem solchen Projekt kann und will ich mich nicht beteiligen, ... alles Standpunkte, die wir auch akzeptieren mussten. Unser Standpunkt war dann plötzlich auch nur noch einer von vielen und die Kommunikation war sehr schwierig, weil auch das Vokabular oft ein unterschiedliches war. Dennoch entstand eine erste Ausstellung mit KünstlerInnen, die an einer Zusammenarbeit interessiert waren? E: An der ersten Ausstellung haben zehn KünstlerInnen teilgenommen: Hawy Abdelrahman, Emil Aram, Erika Dellert-Vambe, Evgenia Karadonev, Solomon Okpurukhre, Carmen Pena de Klein, Faek Rasul, Tapiwa Vambe, Judith Zillich und Roland Fischer-Briand. C: Wir hatten im Juli nicht gewusst, dass im Herbst eine Ausstellung stattfinden würde, bei der KünstlerInnen einzelne Werke ausstellen. Das war nicht unser Ziel, sondern es hat sich aus der Gruppendynamik so entwickelt, schließlich war es eine Gruppenausstellung mit einem zweiten Element, den World Mind Maps von Roland Fischer-Briand. U: Wir haben zwar keine Arbeiten ausgewählt, aber es gab schon Kriterien für die Teilnahme. Zunächst die Einladung zu einem ersten Gespräch, dann ein gemeinsames treffen für die, die am Projekt Interesse hatten. Insofern kann man nicht sagen, wir hätten nichts vorgegeben. C: Die Ausstellung ist unter bestimmten Bedingungen entstanden. U: Beim letzten Treffen haben wir dann besprochen, wie viele KünstlerInnen teilnehmen, wie groß der Raum ist und welche Formate Platz haben. Hat sich jemand überzeugen lassen, der zunächst weggelaufen ist? C: Nein, weil der ist dann nicht wieder gekommen. U: Es gab Bilder die für die Ausstellung produziert
wurden oder entsprechend ausgewählt waren. So eine Diskussion ist
dann ja auch nicht abgeschlossen. Nachdem das jetzt mehrmals angesprochen wurde, muss man kurz auf die den World Mind Maps eingehen. Was ist in dieser Arbeit geschehen? E: Roland Fischer-Briand hatte in einem anderen Zusammenhang begonnen, so genannte World Mind Maps herzustellen. Eigentlich bittet er Personen, sein oder ihr Weltbild auf einer runde Platte, die in der Lieblingsfarbe der befragten Person lackiert ist, zu skizzieren und filmt das von hinten oben. Das Video besteht aus der zeichnenden Hand und der Stimme der Person. Wir haben Roland eingeladen mit AusstellungsteilnehmerInnen World Mind Maps zu machen. Im großen Galerieraum, der Schaufenster zur Straße hin hat, waren die Arbeiten ausgestellt, im zweiten, kleineren Raum die Maps. U: Unsere Vorstellung war, eben nicht jedes Weltbild oder jede Biografie abzubilden, deshalb gab es auch Videos mit externen Personen und eines hat Eva gemacht, von unserer Seite sozusagen. Uns war es wichtig, dass ein persönlicher Hintergrund vorhanden ist, dass es aber nicht möglich ist, jeder Arbeit eine Biografie zuzuordnen und dann Schlüsse zu ziehen, warum ein/e KünstlerIn so oder anders arbeitet. Wobei mir schon vorkam, dass diese Arbeit dann eine sehr starke Präsenz hatte, im Vergleich mit den einzelnen Arbeiten der anderen KünstlerInnen. Wie seid ihr damit umgegangen? U: Die Arbeit bewegte sich ja auch auf einer Meta-Ebene. Sie hatte Zugriff auf alle anderen Arbeiten in der Ausstellung - und es war das einzige Video in einer Ausstellung mit Malerei und Skulptur. Es stimmt was du sagst, und auch durch die räumliche Aufteilung liess sich das nicht aufheben. Das zweite Projekt war eine Zusammenarbeit mit der Kampagne »kein mensch ist illegal« und war auch teilweise ein Ausstellungsprojekt. Was waren da eure Ansätze? E: Wir wollten eine »traditionelle« Vernissage machen, zu der verstärkt auch ÄrztInnen eingeladen wurden. Dabei sollten zwei Möglichkeiten angeboten werden, die Kampagne kein mensch ist illegal zu unterstützen. Einerseits über den Verkauf von Bildern, andererseits wollten wir ÄrztInnen für das Thema »illegalisiert leben in Österreich« sensibilisieren. kein mensch ist illegal war damals mit dem Aufbau einer Liste von ÄrztInnen beschäftigt, an die sich illegalisiert lebende Personen wenden können, um anonym und kostenlos behandelt zu werden. C: Es gibt immer wieder Ausstellungen und Auktionen, um Spenden für Organisationen zu sammeln. Der einzige Unterschied, der mich in diesem Fall interessiert, ist zwei »Karrierekünstler« Oliver Marcheta und Niko Sturm, beide Männer, sich bereit erklärt haben, zu dem Thema »illegal« zu malen. Ist es nur Karitativ, wenn das bearbeitete Thema Illegalität ist und ein Teil des Erlöses der Kampagne kein mensch ist illegal zu Gute kommt und wenn es zwar einen Katalog gibt, im Vorwort aber die Kampagne, ihre Arbeit und Forderungen vorgestellt wird? Das war im November 1999. Die Nationalratswahl hatte stattgefunden, noch keine Regierungsbildung, aber die Freiheitliche Partei war durch einen großen Wahlerfolg zweitstärkste Partei geworden. Zu der Zeit begann dann das dritte Projekt eurer Reihe, Videoproduktion von Jugendlichen, um welche Themen ging es da? E: Zwei Dinge liefen parallel: zum einen die Vortragsreihe »Antirassismus ist Konfrontation«, die von Hans Pühretmayer und Andreas Görg gestaltet wurde. Und dann gab eine Kooperation mit Echo, das ist ein Verein zur Unterstützung von Jugendlichen der zweiten und dritten Generation. U: Wir haben Foto- und Videoworkshops organisiert, d.h. wir haben KünstlerInnen gesucht, die interessiert waren, mit Jugendlichen etwas zu erarbeiten, sowohl im Bereich von technischen Fähigkeiten, aber auch inhaltlich. Ein Workshop wurde dann von der KünstlerInnengruppe Gangart angeboten. Endgültig fertiggestellt wurden die Videos erst im Oktober 2000 bei der Veranstaltung »Dezentrale Projektion« in der wienstation. In der Galerie gab es im Januar Arbeitspräsentationen. Der zweite Workshop wurde von Simone Bader und Anna Kowalska angeboten, deren Ansatzpunkt die Repräsentation von MigrantInnen in der Öffentlichkeit war. In diesem Workshop ist dann auch das Interview-Video »Strukturelle Gewalt« entstanden, das sich mit der Funktionsweise von Echo und vor allem mit der Position und Situation von Mädchen in diesem Verein auseinander setzt. L: Mittlerweile hatte dann war die Regierungsbildung im Gang - gab es in dieser Situation öffentliche Reaktionen auf euer Programm? U: »Antirassismus ist Konfrontation« wurde von Personen, die schon vorher in diesem Bereich politische Arbeit leisteten, konzipiert und getragen. Da gab es ein Interesse an einer an einer fundierten Diskussion und es ging weniger um irgendeine Schock-Reaktion auf Grund des Wahlergebnisses. Der letzte Vortragsabend war an dem Tag, an dem sich FPÖ und ÖVP auf die Koalition geeinigt hatten, natürlich wurde das dann auch diskutiert, es war aber weniger eine Überraschung, als eine Ernüchterung. C: Die Verbindung zu politischen Entwicklungen in Österreich bestand aus unserer Sicht von Anfang an. Es gab ja schon zuvor eine rassistische Politik, mit einem sozialdemokratischen Innenminister in einer SPÖ/ÖVP Koalition. Dass es bei dieser Politik bleiben würde, war abzusehen, insofern dachten wir eher an die Kontinuität staatlichen Rassismus als an eine Regierungsbeteiligung der FPÖ. Wie würdet ihr eure Position als Programmverantwortliche beschreiben? U: Wir verstehen uns nicht als KuratorInnen, vielmehr gab es eine interessante Situation und ein Angebot, einen attraktiven Raum zur Verfügung zu haben. Eine Basisfinanzierung, ATS 60.000 an Projektgeldern, haben wir damals noch über den Bundeskurator bekommen, den es ja inzwischen auch nicht mehr gibt. Somit gab es Rahmenbedingungen für die Galeriearbeit. C: Die Galerieprojekte waren jeweils mit einem Statement verbunden: Bei der ersten Ausstellung war das »Österreich ist ein Einwanderungsland«, bei der zweiten »Kein Mensch ist Illegal« bzw. »Illegalisiert leben heißt, nicht krank werden dürfen« und im Januar eben »Antirassismus ist Konfrontation«. U: Es hat uns interessiert, Forderungen und Aussagen zu zirkulieren, etwa mit dem Pressetext. Also etwa so eine Ausstellung zu bewerben, mit Werken, die nicht explizit politisch sind. Das ist ja auch eine wichtige Diskussion gerade in Bezug auf KünstlerInnen mit migrantischen Lebenserfahrungen, die sehr oft mit entsprechenden Erwartungshaltungen konfrontiert werden, dass das nun die künstlerische Arbeit prägen muss. Das ist eine Form reduzierter Wahrnehmung, die wir nicht unterstützen wollten. Gleichzeitig wollten wir aber die Öffentlichkeit in einem politischen Sinn nutzen, etwa durch das Zirkulieren von kürzestmöglichen Botschaften. |
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